Kritisch nachgefragt bei Dr. Sybille Bachmann

Sie kandidieren als Oberbürgermeisterin und für die Bürgerschaft, weshalb beides?

Sollte ich nicht die erste Bürgermeisterin in der 800-jährigen Geschichte Rostocks werden, würde ich meine Arbeit in der Bürgerschaft gerne fortsetzen. Sie können mir tatsächlich 4 Stimmen geben: Eine bei der OB-Wahl, drei bei der Kommunalwahl Liste Rostocker Bund. Keine Stimme geht verloren!

Was können Sie besser als ihre Mitbewerber?

Weibliche Intuition und Empathie. Seit sechs Jahren gibt es keine Senatorin an der Stadtspitze. Das tut der Führungskultur nicht gut und bedarf dringend der Änderung.

Was liegt Ihrer Meinung nach am meisten im Argen?

Das Vertrauen in die Potentiale der Stadt, die Verlässlichkeit politischen Handelns, die Kommunikation innerhalb der Verwaltung und mit den Einwohner*innen, der schwindende Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Was wäre zu tun?

Wir benötigen eine offene Debatte über die Entwicklung der Stadt und die Überwindung von Misstrauenskultur durch Transparenz, Ehrlichkeit und gegenseitiges Verständnis sowie im sozialen Bereich der Strategien zum Abbau sozialer Verwerfungen.

Daher möchte ich eine*n kommunale*n Bürgerbeauftragte*n einsetzen und alle drei Monate im Rathausfoyer persönlich einen themenoffenen Bürgerdialog anbieten. Die Beteiligung der Einwohner*innen muss übergehen in projektbezogene Mitbestimmung, sei es durch eine Erhöhung des Stadtteilbudgets, Planungswerkstätten oder den lesbaren Stadthaushalt.

Sie suchen Dialog und Konsens, gelten aber als Querdenkerin. Wie passt das zusammen?

Ganz einfach: Unterschiedliche Funktionen führen zu unterschiedlichen Rollen.

Als Vorsitzende einer unabhängigen Wählergruppe und Fraktion stehen Klartext und Querdenken im Vordergrund. Das Benennen von Missständen und Filz oder Aufzeigen anderer Lösungen führt zu negativen Wertungen insbesondere durch Parteien. Trotz allem Widerstand und verbalem Getöse setzen wir aber dennoch unsere Anliegen durch.

Können Sie Beispiele benennen?

Auf unsere Kappe gehen die Rekommunalisierung der Wasserversorgung, der Abbau von Filzstrukturen in Aufsichtsgremien, das Bürgerinformationssystem und die Internetradio-Übertragung der Bürgerschaftssitzungen, die Sicherung der WIRO-Mietkautionen, die Zusatzbezeichnung Universitätsstadt, die Abschaffung der Zweitwohnsitzsteuer für Studierende, der Erhalt des Schullandheimes Niex und des Heidehauses in Markgrafenheide, die Bildung des  Beirats Biestow, der Erhalt von Kleingartenanlagen, die Finanzierung von Darwineum und Polarium, die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge in Rostock, das kostenfreie Schülerticket, die Arbeitsgruppe zur Maut-Freiheit beim Warnow-Tunnel, der Erhalt des Vier-Sparten-Theaters.

In 2016 haben Sie doch aber für die Entlassung des Intendanten gesorgt!

Ja, es scheint paradox: Nachdem SPD, CDU, UFR und OB dem Intendanten im März 2015 aufgrund einer Rede zum Erhalt der Theater in MV gekündigt hatten, gelang es mir im Mai die Mehrheit für die Rücknahme der Abberufung zu holen. Da ging es um Meinungsfreiheit.

Erst danach wurden massive Verwerfungen im Haus bekannt in puncto Führungsstil, Umgang mit Spartensprechern, Spielzeitplanung, Spaltung der Belegschaft, Gehaltsforderungen des Intendanten. Erstmals war das VTR nicht nur von außen mit Spartenabbau bedroht, sondern auch von innen. Der Intendant wollte im Februar 2016 selbst gehen, aber nur mit Abfindung, was ich ebenfalls beantragte. Die Politik lehnte eine Abfindung mehrheitlich ab, so dass im Juni 2016 nur noch die Trennung mittels Abberufung und anschließendem Rechtsstreit um die Abfindungshöhe möglich war. In dieser Situation übernahm ich den Vorsitz des Aufsichtsrates. Der gordische Knoten wurde durchschlagen, das Polittheater ums Theater beendet. Seitdem geht es mit dem VTR voran, niemand spricht mehr von Spartenschließungen, sondern inzwischen ist sogar der Theaterneubau auf den Weg gebracht, mit Standort, Finanzierung und Architekturentwürfen.

Der FC Hansa war auch ein solch heißes Eisen. Was war Ihr Ziel?

Eine schnellere Entschuldung des Vereins, ein stärkeres Engagement von Stadt und Land im Amateurbereich und die Verhinderung der Abhängigkeit von einem einzigen Investor.

Im September 2015 fragte ich in einem Mitgliederforum die Existenz eines bestimmten Vertrages nach. Heraus kam am Ende, dass der Aufsichtsrat sich hinters Licht hatte führen lassen. Anstelle angekündigter Forderungsverzichte der Bank gab es den Forderungsaufkauf durch einen Privatinvestor. Den Vertrag darüber hatte der Investor mit dem damaligen Hansa-Vorstandsvorsitzenden unterzeichnet. Hansa behielt seine ca. 20 Mio. EUR Schulden. Ich trat dafür ein, diesen Vertrag für rechtlich nichtig zu erklären und die Umschuldung mit der Sparkasse durchzuführen. Leider besaß der kurzzeitig eingesetzte Vorstandsvorsitzende und städtische Finanzsenator nicht den Mut, diesen Schritt zu vollziehen. So behielt Hansa seine vollen Schulden und geriet in massive Abhängigkeit.

Zwanzig Jahre Kommunalpolitik. Gehören Sie da nicht zum alten Eisen?

Ich bin hier geboren und verankert, in diesem Sinne altes Eisen. Rostock mit zu gestalten und Negatives zu verhindern, z.B. die Privatisierung des Südstadtklinikums oder Vernichtung vieler Kleingärten, macht mir noch immer Spaß. Kritische Begleitung und Ideenentwicklung sorgen dafür, dass ich nicht einroste. Übrigens auch ein Grund für die Kandidatur bei der OB- und Kommunalwahl.

Rostocks Stadtspitze bedarf neuer Denkansätze, Durchsetzungskraft sowie Erfahrung mit Führung und Verwaltung.

Vielen Dank Frau Dr. Bachmann für das Interview